Kalabrien, 1960: Im abgelegenen Bergdorf Santa Chionia, hoch über den Schluchten des Aspromonte, soll die junge Amerikanerin Francesca Loftfield im Auftrag einer Hilfsorganisation einen Kindergarten eröffnen. Doch kurz nach ihrer Ankunft reißt eine verheerende Sturzflut eine Brücke und das Postamt des Dorfes mit sich – und legt dabei ein menschliches Skelett frei. Während die Dorfgemeinschaft jede weitere Untersuchung abwehrt und auf beharrliches Schweigen setzt, beginnt Francesca Fragen zu stellen. Ihre Suche nach der Wahrheit führt sie tief in eine Welt aus archaischen Traditionen, familiären Loyalitäten und einem System des Wegsehens, das von patriarchalen Machtstrukturen und den frühen Verflechtungen der kalabrischen Mafia geprägt ist. Je weiter sie in die Vergangenheit des Dorfes eindringt, desto deutlicher tritt die verborgene Geschichte einer Region hervor, die zwischen Armut, Ausgrenzung und Widerstand ihren eigenen Gesetzen folgt. Zugleich begegnet Francesca Frauen, deren stille Entschlossenheit den autoritären Strukturen trotzt und deren Mut den eigentlichen Gegenpol zur allgegenwärtigen Omertà bildet. Mit großer atmosphärischer Dichte entwirft die New Yorker Autorin und Verlegerin Juliet Grames in Die Verlorenen von Santa Chiona ein bildgewaltiges Panorama Süditaliens: eine Landschaft aus steilen Berghängen, tosenden Flüssen und uralten Dörfern, deren Schönheit ebenso betörend ist wie ihre Geheimnisse. Ein fesselnder Roman über Herkunft und Gerechtigkeit, über Bildung als Hoffnungsträger und über die Frage, wie sich das Schweigen einer Gemeinschaft durchbrechen lässt. Ein spannendes Rätsel in faszinierender Atmosphäre – meisterhaft erzählt und von eindringlicher sprachlicher Kraft. Im Gespräch mit Ö1-Journalist und Autor Wolfgang Popp stellt Juliet Grames ihren Kalabrienroman vor. Der Abend findet auf Englisch statt.
Lesung und Gespräch: Juliet Grames
Moderation und Gespräch: Wolfgang Popp